Brandanschlag am 09.01 in Ascheberg – Eine Zusammenfassung

In der Nacht vom 08.01 auf den 09.01 wurde in Ascheberg ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in der Bultenstraße verübt. Wir haben uns in den letzten Tagen näher mit dem Anschlag auseinandergesetzt und möchten euch eine kleine Übersicht der Ereignisse geben.

Zum Anschlag

Gegen 02:50 Uhr bemerkte eine Polizeistreife auf dem Weg nach Hebern den Feuerschein vor der Unterkunft und löschte den Brand mit einem Feuerlöscher. Brandursache war eine mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte PET-Flasche die ca. 1m von der Hauswand entfernt stand. Zwar entstanden keine Schäden am Haus, allerdings wurden einige Äste einer an die Unterkunft angrenzende Tanne angebrannt. In den Presseberichten nicht erwähnt wurden kleine Böller, die rund um die Flasche gefunden wurden. Es ist allerdings unklar, ob diese im Zusammenhang mit dem Anschlag stehen. Dafür spricht die Tatsache, dass die Bewohner der Unterkunft zwischen 02:00 Uhr und 03:00 Uhr „Tock Tock Tock“ hörten von dem sie wach wurden. Sie erklärten sich diese Geräusche durch einen Defekt an der Elektrik ihrer Unterkunft. Diesen Verdacht äußerte einer von ihnen auch gegenüber den Polizisten, die 3 Minuten später die Unterkunft betraten um die Bewohner zu dem Feuer zu befragen.

Da die Bewohner des Eckhauses nur wenig Englisch sprechen ist es wahrscheinlich dem Kommunikationsproblem zu verschulden, dass keine ausführliche Befragung und Aufklärung über die Brandursache durch die Polizei stattgefunden hat. Die Bewohner des betroffenen Hauses gingen bis Samstagabend davon aus, dass der Brand durch einen elektrischen Defekt entstanden ist.
Die Bewohner der angrenzenden aber räumlich abgetrennten Unterkünfte haben von dem Brandanschlag sowie dem Polizeieinsatz der bis ca. 06:00 Uhr dauerte nichts mitbekommen und wurden nicht von der Polizei über den Anschlag informiert.

Die Ruhrnachrichten berichten, dass „die Beamten bei der Durchsuchung des Areals zwischen Bultenstraße und Biete noch zwei weitere Flaschen mit Brandbeschleunigern gefunden haben.“ Diese Behauptung wurde durch die Pressestelle der Polizei in Coesfeld uns gegenüber nicht bestätigt.

Die Ermittlungen zu dem Anschlag führen der Staatsschutz und die Polizei Münster, denen bisher noch „keine konkreten Hinweise und Ermittlungsansätze“ (Zitat RN) vorliegen. Eine erhöhte Anschlagsgefahr in Ascheberg sehe die Polizei nicht, weshalb es auch keine Veränderung am Sicherheitskonzept der Unterkünfte gäbe.
Heißt übersetzt: Die Ermittlungen führen höchstwahrscheinlich in die Leere und weitere Anschläge in Ascheberg werden in Kauf genommen.

Die Reaktionen der Dorfbewohner auf den Anschlag sind geprägt von Entsetzen, Trauer, Wut und Empörung. In sozialen Netzwerken lesen sich Sätze wie „ich könnte kotzen. Wer mach sowas?“ und „Mir fehlen die Worte! Da hätten Menschen bei drauf gehen können.“

Ascheberger Zustände

Tatsächlich ist es so, dass auch wir in dem klassischen „Überall, aber nicht hier“-Irrglauben nicht im Entferntesten daran gedacht haben, dass es in Ascheberg zu Angriffen auf Refugees kommen könne.
Zu gut war im letzten Jahr der Support der Dorfbewohner: Täglich spenden Menschen Gegenstände an eine von Ehrenamtlichen eingerichtete Kleiderkammer, Bürger*innen bieten Deutschkurse, Kennenlerncafés und sogar Praktika bzw. Aushilfsstellen für Geflüchtete in lokalen Geschäften an.

Die letzte offen rassistische Äußerung in einer der vielen Facebook-Diskussionen zum Thema Refugees war im März 2015. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es keine Menschen, die sich (öffentlich) gegen eine Unterkunft in ihrer direkten Nachbarschaft wenden.
Es zeigte sich auch eine klare Positionierung der Ascheberger*innen gegen rechtes Gedankengut als sich im Herbst ca. 50 Menschen innerhalb kurzer Zeit spontan einfanden um einen unangekündigten Wahlkampfstand der AfD in der Ascheberger Innenstad kritisch zu begleiten.

Wir möchten die Ascheberger Zustände jedoch nicht verherrlichen. Der Brandanschlag ist ein Ausdruck rassistischen Hasses, der sich leider auch in Ascheberg finden lässt. Diese, zumindest in Teilen der Bevölkerung vorherrschende, rassistische Stimmung kommt nicht von ungefähr. Sie ist das Ergebnis aus Dummheit, Nationalismus, Hass und einer Politik, die der perfekte Nährboden für rassistische Ansichten ist.

Zwar ist der Ascheberger Bürgermeister Dr. Bert Risthaus „direkt am Samstagmorgen nach dem Anschlag zu der Unterkunft geeilt und hatte sich ein Bild vor Ort gemacht“ und möchte sich „trotz dieses kriminellen Aktes der vergangenen Nacht […] weiterhin für ein friedliches Miteinander der einheimischen Bevölkerung und der Flüchtlinge ein[setzen].“ allerdings steht diese Aussage in direktem Gegensatz zur „Überlastungsanzeige“ die Risthaus im Oktober in feinster „Das Boot ist voll“-Manier an die Bundesregierung gestellt hat. Besonders in Dörfern wie Ascheberg haben Aussagen von Bürgermeister*innen einen großen Einfluss auf viele Dorfbewohner. Da ist es nicht verwunderlich, dass manche Trottel in ihrem „Unmut und [ihren] Befürchtungen“ (Zitat Risthaus) bestätigt werden wenn sich der Bürgermeister mindestens einmal pro Woche in der Zeitung darüber beklagt, dass es in Ascheberg einfach kein Platz mehr für Geflüchtete gäbe und er sich von der Regierung im Stich gelassen fühle. Solche Aussagen von Lokalpolitiker*innen dienen rassistischen Angriffen wie dem in der Nacht von Freitag auf Samstag als Katalysator und suggerieren Täter*innen eine Akzeptanz ihrer Taten innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Konsequenzen

Um dieser Suggestion entgegenzuwirken und den Brandanschlag öffentlich zu thematisieren haben Antifaschist*innen aus Ascheberg in der Nacht von Samstag auf Sonntag mehrere Transparente in Ascheberg aufgehängt.

Gegenüber der Feuerwache soll die Aufschrift „Nazis zündeln – Schaut ihr zu?“ besonders die zahlreichen engagierten Ehrenamtlichen in Ascheberg dazu bewegen nicht nur „Willkommenskultur“ zu leben, sondern sich auch klar gegen Rassismus zu bekennen und diesen aktiv zu bekämpfen.

Auf der Bahnbrücke über der B58 wurden zudem Transparente mit der Aufschrift „Racism Kills“ und „Refugees Welcome“ angebracht. Diese sollen aufgrund der aktuellen Ereignisse auf der einen Seite einen positiven Impuls und auf der anderen Seite eine Mahnung darstellen.

Bisher sind wir nicht darauf vorbereit angemessen auf Brandanschläge und rassistische Angriffe in Ascheberg zu reagieren. Wir verfügen nicht über Strukturen um Soli-Kundgebungen vor den Unterkünften abzuhalten oder aktiv Einfluss auf die Dorfpolitik zu nehmen.
Doch vielleicht ist diese Art von Reaktion auch nicht zwingend Notwendig. Sicher: Eine Kundgebung ist ein schönes und auch wichtiges Zeichen, außerdem macht sich so etwas in der Lokalpresse gut. Am nächsten Tag erzählt dann noch der Bürgermeister wie toll er es findet, dass die Dorfbewohner sich so sehr engagieren. Vielleicht taucht er sogar selber bei der Kundgebung auf.
Aber letztlich verhindert eine Kundgebung keine weiteren Brandanschläge.

Wir möchten in Zukunft nicht auf Brandanschläge reagieren müssen, wir möchten sie verhindern. Wir glauben, dass Angriffe auf Geflüchtete am ehesten verhindert werden können wenn mensch die Täter*innen kennt.
Wir kennen die Täter*innen nicht.
Wir kennen aber ein paar offensiv rassistisch auftretende Dorfkartoffeln. Wie der Zufall es will wohnt einer dieser Menschen in unmittelbarer Nähe zur Unterkunft an der Bultenstraße, die am Wochenende zum Ziel eines Brandanschlags wurde. Das ist das Tolle an einem Dorf: Jeder kennt jeden. Jeder hat jeden im Blick.

Wie unser Bürgermeister schon sagte: „Wir hoffen, dass der oder die Täter rasch ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden können.“


Übersicht ausgewählter Artikel:

Unsere PM:https://docs.zoho.com/writer/published.do?rid=9et0f53f39c87d2384d258f0b91eb9d401231
RN zu den Transparenten:https://www.ruhrnachrichten.de/staedte/herbern/59387-Herbern~/Polizei-sucht-weiter-Zeugen-Antifa-reagiert-auf-Brandanschlag-in-Ascheberg;art1766,2918136#fehler
WN: http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Coesfeld/Ascheberg/2228364-Polizeistreife-verhindert-Schlimmeres-Brandanschlag-auf-Fluechtlingsunterkunft
RN: https://www.ruhrnachrichten.de/staedte/herbern/Anschlag-auf-Fluechtlingsheim-Polizisten-entdeckten-Brand-nur-durch-einen-Zufall;art1766,2917298
Polizeimeldung: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6006/3220554

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